Presse: Überall ist Wunderland
Weite im Kopf, im Herzen Welten
Das neue Lyrikprogramm „Überall ist Wunderland“ von Karla Andrä und Josef Holzhauser
Wo eigentlich fängt das Vaterland an, wie definiert sich Muttersprache? Das Nachdenken darüber wird schnell zur kniffligen „Genauigkeitsübung“ wie in Yaak Karsunkes Gedicht.
Was bedeutet uns die Heimat jenseits des „pathetischen Pflichtpatriotismus“, wie ihn Ota Filip in seinem Gedicht „O du mein liebes fremdsprachiges Land“ zur Diskussion stellt? Wann ist die Zeit reif, sich „die Fremde zu nehmen“, wie es der in Augsburg lebende Lyriker Gino Chiellino in seinem Gedicht raffiniert, wie einen Werbeslogan, formuliert?
Verblüffend genial reihte sich Hildegard Knefs bekanntes Chanson vom Bedürfnis der Birke nach „Tapetenwechsel“ in die großartige Lyrikauswahl, mit der das Künstlerpaar Josef Holzhauser und Karla Andrä wortreich und klangvoll und kurzweilig dem Gefühl „Heimat“ und dem Erleben von „Fremde“ nachspürten, um wunderbar im Refrain der „Weite im Kopf, im Herzen Welten“ von Antonia Kainz Gedicht „Alles“ zu münden.
Die behutsame und virtuose Interpretation der expressiven oder sehr humorvollen Verse von Ausländer, Brecht, Domin, Eichendorff, Heine, Hesse, Morgenstern, Ringelnatz oder Biondi, Biermann und Ilija Trojanow („Ich bin deutscher als ein Großteil der Passauer“!) durch Schauspielerin Karla Andrä fand wie schon in früheren „Text will Töne“- Projekten ihre musikalische Verdichtung durch die lautmalerischen Gitarren-Kompositionen von Josef Holzhauser. So unterstrich er die frechen Zeilen von Immacolata Amodeo über das „Deutsche Fräulein aus Kalabrien“ in passender Zigeunerjazz-Manier, brachte atmosphärisch spannende und melancholische Kommentare zu den vor dem geistigen Hörerauge vorbeiziehenden Poesie-Landschaften, zitierte mit großer Sensibilität den Duft des Lindenbaums oder „Die Mondnacht“ herbei, in der die Seele ihre Flügel weit ausspannen darf.
Ein höchst bereichender Lyrikabend, der frischen Wind in das Heimat-Terrain brachte und zu Recht intensiven Beifall erntete.
[Augsburger Allgemeine]

